Den Alltag mit einer Angststörung gut meistern (Teil 2)
In unserer Arbeit mit Klientinnen und Klienten begegnen uns immer wieder auch Angststörungen. Situationen, die für andere selbstverständlich zum Alltag gehören, können für Betroffene zu einer echten Herausforderung werden. Auch ein Einkauf im Supermarkt kann dazugehören.
Schon bevor es überhaupt losgeht, dreht sich im Kopf der Klientin alles um die gleiche Befürchtung. Was, wenn sie im Laden umkippt? Was, wenn sie sich danach völlig kraftlos und erschöpft fühlt? Allein der Gedanke daran kann die Unruhe schon Stunden vor dem Einkauf verstärken. Der Einkauf steht noch bevor und kostet trotzdem bereits Kraft.
Wir nehmen diese Angst ernst und äußern weder „Das wird schon.“ noch „Das schaffen Sie schon.“ Vielmehr schauen wir gemeinsam hin und antworten auf die Aussage ruhig und entspannt mit: „Ich kann verstehen, dass Ihnen das Einkaufen Angst macht und Sie die Unruhe schon Stunden vorher spüren. Das raubt Ihnen viel Kraft.“ Für uns heißt es also, gemeinsam genau hinzuschauen und zu ergründen, was passiert, wenn die Angst aufkommt. Wo spürt die Klientin die Angst, wie fühlt sie sich an und was befürchtet sie, könnte beim Einkaufen passieren?
Auch frühere Erfahrungen spielen eine wichtige Rolle. Ist sie denn tatsächlich schon einmal in einem Geschäft umgefallen? In diesem Fall lautet die Antwort: nein. Die Befürchtung ist trotzdem da und fühlt sich in diesem Moment sehr real an.
Dann richten wir den Blick auf das, was bisher schon funktioniert hat. Denn trotz ihrer Angst ist die Klientin immer wieder einkaufen gegangen. Was hat ihr dabei geholfen? Was hat sie getan, als die Angst kam? Gemeinsam machen wir diese Erfahrungen sichtbar und überlegen, was davon beim nächsten Einkauf wieder hilfreich sein könnte.
Dazu gehört auch ein Satz, den sie sich selbst sagen kann, wenn die Angst beim Einkaufen wieder auftaucht. „Ich kenne dieses Gefühl. Bisher habe ich es auch immer geschafft, die Angst zu überwinden.“
Beim Einkauf selbst sind wir an ihrer Seite. Unsere Begleitung gibt Sicherheit, ohne ihr die Situation abzunehmen. Wir greifen nicht unnötig ein und treffen keine Entscheidungen für sie. Wenn die Angst aufkommt, erinnern wir sie vielmehr an das, was sie bereits weiß und kann. An ihre bisherigen Erfahrungen und an die Situationen, die sie trotz ihrer Angst bereits gemeistert hat.
Und auch nach dem Einkauf ist die Sache noch nicht einfach abgehakt. Gemeinsam schauen wir zurück. Wie hat sich die Situation tatsächlich angefühlt? Was hat geholfen? Wann wurde die Angst besonders stark? Und ist das, was vorher so bedrohlich erschien, tatsächlich eingetreten.
So wird aus einem schwierigen Einkauf eine Erfahrung, auf die die Klientin beim nächsten Mal zurückgreifen kann. Denn am Ende ist nicht wichtig, dass die Angst verschwunden ist. Entscheidend ist, dass sie trotz der Angst einkaufen gegangen ist. Dadurch kann sie wieder ein Stück mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen.